Sie haben völlig zu Recht nachgefragt, denn dieser Gedanke ist tatsächlich sperrig und zugleich einer der tiefsten des gesamten Plotin-Handbuchs. Ich versuche, ihn schrittweise zu entfalten.
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| Körper | Das psycho-physische Lebewesen, Schmerz, sinnliche Wahrnehmung |
| Untere Seele | Begierden, Zorn, Affekte, „das wilde Tier" |
| Rationale Seele | Das diskursive Denken (dianoia) – „hier sind wir mehr als irgendwo sonst" (I 1 [53],7,16–17) |
| Geist (nous) | Das reine, intuitive Denken – „gebrauchen wir ihn, dann ist er unser, gebrauchen wir ihn nicht, dann ist er nicht unser" (V 3 [49],3,26–29) |
All das, so Plotin, gehört irgendwie zu „uns". Aber diese „offene Vielfältigkeit" ist zugleich eine „Herausforderung" (Tornau, Plotin-Handbuch, S. 187). Denn:
„In diesem ›wir‹ findet sich eine Vielzahl von Impulsen und Einflüssen, und manche erweisen sich als Grund für falsches Handeln." (Tornau, Plotin-Handbuch, S. 364)
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2. Die Pointe: Ohne Entscheidung kein Selbst
Und jetzt kommt der entscheidende Punkt. Wenn das „wir" eine solche Vielfalt ist, dann droht eine Auflösung: Wer oder was ist dann eigentlich der „Eigentümer" all dieser Impulse? Plotins Antwort: Niemand – es sei denn, das „wir" wird zur Entscheidungsinstanz.
Die Schlüsselstelle aus Plotins Schrift III 1 [3]:
„Andernfalls sind wir […] nicht wir und nichts unsere Wirksamkeit; und wir überlegen nicht selbst, sondern unsere Erwägungen sind Überlegungen eines anderen; und wir handeln auch nicht, so wie nicht unsere Füße aufstampfen, sondern wir mit unseren Gliedern" (III 1 [3],4,20–24) (Tornau, Plotin-Handbuch, S. 187)
Das Bild ist präzise: Wenn ich mit dem Fuß aufstampfe, dann stampft nicht „der Fuß" – sondern ich stampfe, mittels meines Fußes. Der Fuß ist Instrument. Genauso verhält es sich mit all den inneren Impulsen: Wenn ich sie nur habe, aber nicht entscheide, welchem ich folge, dann bin ich nicht der Akteur – dann geschieht es bloß in mir, wie ein fremder Impuls, den ich nicht zu meinem eigenen mache.
Die Auflösung des „wir" geschieht genau dann, wenn ich passiv bleibe. Dann bin ich nicht Subjekt, sondern bloß Schauplatz verschiedener Kräfte. Plotins radikale These: Nur durch Entscheidung konstituiert sich das Selbst.
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3. Verantwortlichkeit ist nicht Zusatz, sondern Bedingung
Daraus folgt der Satz, der Sie beschäftigt:
„Somit ist für das Wir-Sein Verantwortlichkeit essentiell – sowohl im alltäglichen Handeln als auch bei der ethischen Grundentscheidung, wie man leben und was man sein will" (Tornau, Plotin-Handbuch, S. 187)
Das ist gegen die Alltagsintuition gedacht. Normalerweise meinen wir: Ich bin erst ein Selbst, und dann übernehme ich (vielleicht) Verantwortung. Plotin dreht das um: Ich werde überhaupt erst dadurch zum Selbst, dass ich Verantwortung übernehme. Das „Wir-Sein" ist kein Zustand, sondern ein Vollzug – ein Akt der Selbstbestimmung.
Die „ethische Grundentscheidung" am Ende des Satzes ist die radikalste Form davon: „Gott oder Tier" (Tornau, Plotin-Handbuch, S. 187). Sie fragen: Mit welcher Ebene meiner selbst identifiziere ich mich? Lebe ich aus dem Körper, den Affekten, der Rationalität – oder öffne ich mich dem Geist?
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4. Warum das kein abstrakter Gedanke ist
Das Alltagsbeispiel macht es konkret: Wenn mich jemand provoziert und in mir steigt Zorn auf – was passiert dann?
- Entweder ich *bin* der Zorn. Dann re-agiert es aus mir heraus. Aber dann, so Plotin, bin „ich" nicht wirklich am Werk. Es geschieht bloß.
- Oder ich *bemerke* den Zorn, halte inne und entscheide: „Will ich diesem Impuls folgen oder nicht?" In diesem Moment konstituiere ich mich als „wir" – als Entscheidungsinstanz, die nicht mit dem Impuls identisch ist, sondern ihm gegenübersteht.
Genau das meint Verantwortlichkeit im Alltäglichen: nicht automatisch zu funktionieren, sondern die Lücke zwischen Impuls und Handlung zu öffnen und zur Entscheidung zu werden.
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5. Die existenzielle Tiefendimension
Was das Ganze so anspruchsvoll macht: Diese Entscheidungsfähigkeit ist nicht einfach gegeben. Wer gewohnheitsmäßig seinen Impulsen folgt, ohne je innezuhalten, der hat strenggenommen gar kein „wir" mehr. Das Subjekt „löst sich auf" – es wird zu einem bloßen Durchlauferhitzer für das, was von außen oder von unten kommt.
Das „Wir-Sein" ist also nicht etwas, das man ein für alle Mal hat. Es ist etwas, das man immer wieder vollzieht – oder eben verfehlt.
„Der defizitäre ›Normalzustand‹ unseres Selbst ist in Plotins Augen keine deterministische Festlegung; es ist für das plotinische Selbst vielmehr wesentlich, dass es gerade keine festen Grenzen hat. Wie wir unser Selbst bestimmen, ist unsere eigene freie Entscheidung" (Tornau, Plotin-Handbuch, S. 365)
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Im Kern – in einem Satz
Wir sind nicht einfach ein Selbst, wir werden es – und zwar genau in dem Maße, in dem wir uns dazu entscheiden, die Entscheidungsinstanz über unsere eigenen Impulse und Einflüsse zu sein. Verantwortlichkeit ist nicht die Folge des Selbstseins, sondern seine Bedingung.